Predigt zu Römerbrief 5,1-5 am 1. März 2026 in der Agnuskirche, Köthen
Liebe Schwestern und Brüder,
wir Christen sind bescheidene Leute. Großen Worten gegenüber sind wir misstrauisch und Demut ist ganz zu Recht eine Tugend, die wir Christen schätzen und praktizieren. Und wenn sich jemand rühmt, dann hinterlässt das bei uns einen zwiespältigen Eindruck.
Wenn wir über unsere Gemeinde, unsere Kirche reden, dann grenzt das manchmal an Tiefstapelei.
Heute begegnen wir in unserem Gottesdienst einer Brieflesung, die ganz andere Töne anschlägt: vollmundig und hochgemut.
Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 5. Kapitel:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus:
durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.
„Wir rühmen uns der Hoffnung“ – das kommt dem Paulus wirklich aus tiefstem Herzen, das spürt man diesem Brief durch und durch ab. Paulus schreibt diesen Brief ja, damit die Gemeinde in Rom genau dazu kommt: Sich dieser Hoffnung zu rühmen – aus tiefstem Herzen, ganz ohne jeden Vorbehalt.
Leider ist Paulus in Rom damit nicht angekommen. Das hat ihm die Gemeinde dort nicht abgenommen: die Gemeindeleiter dort hatten Einwände und sie hatten Vorbehalte: „Aber Paulus ... so kann man doch nicht ... ist das nicht ein bisschen zu großspurig ... sich so zu rühmen, steht uns das denn an?“
Paulus ist damit in Rom nicht angekommen – das kann man in den alten Handschriften vom Römerbrief sehen. Der Brief ist ja immer wieder abgeschrieben worden und von Hand zu Hand gegangen. Und in diesen Handschriften – da steht unser Predigtabschnitt ein keines bisschen anders als ich ihn vorgelesen habe:
Paulus schreibt: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“.
Die Handschriften, die in der römischen Gemeinde weitergegeben wurden lauten ein wenig anders:
nicht: „wir haben Frieden mit Gott“, sondern: „Lasst uns Frieden mit Gott halten“ – oder „mögen wir Frieden haben mit Gott“ oder „wir werden Frieden haben mit Gott.“
Sie merken das, liebe Schwestern und Brüder, das klingt schwächer. Im Griechischen ist da nur ein kleiner Buchstabe anders – ein langes o steht da statt eines kurzen o – Ein Omega statt eines Omikron. Einfach nur ein kleiner Haken dazugefügt. Und der Sinn ändert sich so tiefgreifend!
„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“, so schreibt Paulus und dessen kann er sich auch rühmen.
Uns aber fällt es schwer, dies so anzunehmen, dies so gelten zu lassen, dies so stehen zu lassen wie Paulus das schreibt.
Das fällt uns schwer und vielleicht würde uns ja auch dieser kleine Schreibfehler unterlaufen wenn wir in unseren Gemeinden keine Kopierer hätten sondern so einen Brief mit der Hand abschreiben müssten. Vielleicht würden wir das auch abschwächen was da bei Paulus so großartig steht. „Wir haben Frieden mit Gott.“
„Ja bitte, wo denn?“ – so melden sich zweifelnde Stimmen bei uns.
„Wo haben wir denn diesen Frieden – ist da nicht viel Konfliktstoff und spürbarer Unfrieden bei uns? Innerhalb unserer Gemeinden, zwischen unseren Gemeinden, zwischen den Konfessionen, und weltweit überall?!
Müsste es nicht viel friedlicher, viel liebevoller bei uns zugehen, wenn das glaubhaft sein soll: Wir haben Frieden mit Gott!?“
Gerade erst haben wir daran denken müssen,dass der Krieg in der Ukraine nun seid vier Jahren andauert. Seid gestern ist mit den Angriffen Israels und der USA auf den Iran ein weiterer Krieg zu all den anderen Kriegen hinzugekommen. Wieder ein Krieg, der völkerrechtlich nicht legitim ist – und je weiter das Völkerrecht außer Kraft gesetzt und durch das Recht des Stärkeren ersetzt wird, desto unwahrscheinlicher wird Frieden weltweit. Frieden? Ja wo denn?
Diesen Einwänden liegt ein Missverständnis zugrunde:
Wir meinen, diesen Frieden erst schaffen zu müssen
dafür etwas tun zu müssen,
erst noch friedfertiger und gerechter werden zu müssen.
Aber dieser Frieden ist nun mal Geschenk – der ist uns zugesprochen ohne dass wir ihn schaffen oder auch nur erhalten könnten.
„Wir haben Frieden mit Gott.“ Ich glauben Paulus diese großen Worte, diese unfassbaren Worte. Und ich möchte Euch, liebe Schwestern und Brüder, einladen, dem Paulus diese Worte zu glauben: „Wir haben Frieden mit Gott.“ – einen Frieden, den wir nicht zu schaffen brauchen und den wir von uns aus auch gar nicht schaffen können – diesen Frieden, der höher ist als unsere menschliche Vernunft.
Wir haben Frieden mit Gott – das ist das Schlüsselwort unseres Glaubens, das Wort, das uns die Tür aufschließt, durch das wir Zugang erhalten zu einem Leben mit Gott.
Paulus schreibt: „Wir haben Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen.“
Das ist ein Schlüsselwort.
Ein Schlüsselwort muss man ausprobieren: passt der Schlüssel? Öffnet er die Tür?
Mit diesem Wort muss man Erfahrungen machen.
„Wir rühmen uns aber auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“
Hier wird uns die Entstehungsgeschichte der Hoffnung erzählt. Einer Hoffnung die nicht zu verwechseln ist mit den Durchhalteparolen: „Es wird schon wieder“; mit dem gottlosen Zweckoptimismus „Alles halb so schlimm.“; auch nicht mit dem Zynismus eines „dieser Krieg wird Frieden schaffen“; und schon gar nicht mit der Resignation eines „So ist halt der Lauf der Weltgeschichte.“
Die Hoffnung, von der Paulus schreibt, reicht weiter.
Wie weit diese Hoffnung reicht, das hat Paulus in den Krisenzeiten seines Lebens erfahren. Was Gefährdung und Verfolgung aufgrund seines Glaubens bedeuten, das hat Paulus sehr konkret erfahren und das ist der Hintergrund, vor dem Paulus diese Sätze formuliert. Viele Menschen nach ihm haben diese Erfahrung gemacht:
„Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“
Paulus spürt man die Dankbarkeit für diese Erfahrung ab: „Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse.“
Liebe Schwestern und Brüder, wenn Paulus sich hier auch seiner Bedrängnisse rühmt, dann gibt er seine sehr persönliche Erfahrung wieder – eine Erfahrung, die nicht jede und jeder von uns am eigenen Leib machen muss – Gott sei Dank. Dass Paulus und andere nach ihm diese Erfahrung gemacht haben, ist uns Grund genug, uns von dieser Hoffnung anstecken zu lassen – uns dieser Hoffnung zur rühmen und darauf zu bauen – diesen Satz wirklich für uns gelten zu lassen: „Wir haben Frieden mit Gott!“
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsren Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.
Pfarramt Hallesche Straße 15a, 06366 Köthen
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