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Ernst Barlach, Frierende Alte

Auf die Füße kommen und aufrecht stehen

Predigt zu Ezechiel 2,1–3,3
am 8. Februar 2026 in der Agnuskirche, Köthen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist merkwürdig: manche Gespräche ziehen uns runter und es gelingt uns nicht, sie in eine positive Spur zu lenken oder aber sie zu beenden.

Gespräche, in denen sich Klage auf Klage häuft. Der schlecht funktionierende Winterdienst und die drohenden Stimmengewinne der AfD bei der Landtagswahl. Putins fehlender Verhandlungswille und das Medikament, das sie in der Apotheke wieder nicht hatten. Der schon wieder teurer gewordene Kaffee und was die Tochter über den weiter steigenden Arbeitsdruck erzählt hat. Klage häuft sich auf Klage. Jede und jeder fügt noch etwas bei, was nicht gut läuft, was sie bedrückend findet, was ihn belastet. Und eigentlich ist das doch auch gut, das aussprechen zu können, sich das von der Seele reden zu dürfen. Aber genau das passiert nicht: die Seele wird nicht freier, nicht leichter dabei. Klage häuft sich auf Klage – ein Berg häuft sich an und legt sich lastend auf die Seele, zieht uns runter. Und statt Schluss zu machen mit diesem Beklagen, fügst Du noch eine Klage hinzu - wie unter Zwang - und manchmal dann auch recht weit hergeholt. Was wir uns in solchen Klage-Runden erzählen ist eigentlich dies: "Ich finde mich nicht mehr zurecht in dieser widersprüchlichen Zeit. Und das Du Dich offensichtlich auch nicht zurechtfindest, zeigt mir zumindest, dass es nicht an mir liegt, dass ich mich nicht zurecht finde - dass es diese widersprüchliche Zeit ist, die uns so irritiert und verunsichert."

Aus einer tief verunsicherten Zeit spricht unser Predigtabschnitt an diesem Sonntag zu uns – uns wird erzählt, wie der Prophet Ezechiel seine Berufung zum Propheten durch Gott erfahren hat:

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Gott segne uns durch sein Wort.

Liebe Schwestern und Brüder,

an das Haus des Widerspruchs wendet sich das Wort Gottes, das Ezechiel ausrichtet soll. An Menschen, die im Widerspruch zu Gottes Willen leben; an ein Volk, das die Klarheit eines ursprünglichen Rechtsgefühls verloren hat und sich nur schwer orientieren kann, weil der Orientierungsrahmen, den Gott einmal verbürgt hat, vage und fremd geworden ist. An eine Völkerwelt wendet sich Gottes Wort, in der gerade ein tiefer Umbruch stattfindet – die Großmächte von gestern sind die Unterlegenen von heute und deshalb findet sich Ezechiel in einem Gefangenentransport wieder: 

Israel hatte auf die Supermacht Ägypten gebaut, die gestern noch so strong and stern auftrat und mit dem Recht des Stärkeren die schwächeren Nationen zu seinem Vorteil manipulierte. Das war gestern, doch heute war Ägypten unterlegen und von der aufstrebenden Supermacht Babylon besiegt. Keiner hatte damit gerechnet – die Oberen Zehntausend aus Israel, die da gerade in ein Gefangenenlager nach Babylon gebracht wurden, verstanden die Welt nicht mehr. Klage häuft sich auf Klage. Verunsichert und irritiert ziehen die Menschen einem ungewissen Schicksal entgegen. Und unter ihnen ist Ezechiel. Ein junger Priester - etwa 30 Jahre alt. Zu dem spricht Gott:

`Du Menschenkind, stell Dich auf Deine Füße. Steh auf aus dem Kreis der Hingekauerten, die da ihre Klagen zusammentragen zu einer Zentnerlast - nicht zu ertragen für die Seele.´

"Du Menschenkind, stell Dich auf Deine Füße. Ich will mit Dir reden" - sagt Gott. 

„Menschenskind!“ - sagen wir manchmal, wenn uns etwas aufgeht, einleuchtet, überraschend deutlich wird. „Menschenskind!“ – das gibt es ja doch, dass Gott einen Menschen anspricht; ihm etwas Wesentliches zuspricht; ihr Orientierung schenkt – und erwartet, dass dieser Mensch es weitersagt im Kreis der Hingekauerten, die da ihre Klagen zusammentragen zu einer Zentnerlast; einer Last, die der Seele nicht gut tut; nicht zu ertragen ist.

Die Chancen stehen nicht gut, dass die das gut aufnehmen werden:

Sag einmal einem Klagenden, dass Selbstmitleid in seiner Klage steckt!

Sag einmal einer Klagenden, dass Klagen blind macht für Möglichkeiten, wie es auch weitergehen könnte!

Sag einmal einem Kreis von Hingekauerten, dass in ihrer Klage eine kitschige Nostalgie zum Ausdruck käme

oder sag einmal einem klagenden Volk, dass es ein Fehler gewesen sei, sich an Glanz und Gloria einer Großmacht über die eigene Kleinheit und Enge hinweggeräumt zu haben.

Wer will das hören?

Ezechiel wird genau solche Dinge sagen müssen. Ihm ist nicht wohl dabei.  Er ist doch genau aus dem Kreis dieser Klagenden herausgerufen worden. Und jetzt wird ihm ein Buch gereicht; eine Schriftrolle, eng beschrieben mit den Klagen. „… außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.“ Und gesagt wird ihm: „Iss! Nimm die Schriftrolle und iss!“

Es gibt Bücher, die kann man verschlingen - aber diese Schriftrolle gehört gewiss nicht zu dieser Art Literatur. „… außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.“ „Iss! Nimm die Schriftrolle und verinnerliche das, was sie enthält! Nimm das in dich auf!“

Drastisch! Aber produktiv!

Ezechiel erfährt, was seine Berufung ist:

Mit seinem Volk durch diese dunkle und verwirrende Zeit gehen und seine Klagen wahrzunehmen, ernstzunehmen;

nicht beizutragen zu der Zentnerlast sondern sie zu wandeln, sie zu Gebet werden zu lassen, sie in Zuspruch zu wandeln;

Spuren zu zeigen, die zu neuer Orientierung werden könnten;

Gott im Geschehen zu halten, an dem sich aus diffuser Klage konkretes Anliegen kristallisieren kann.

Und als Ezechiel die Schriftrolle in sich aufnimmt, „da ward sie in meinem Munde süß wie Honig.“ Schwer zu sagen, was da geschieht und wie das gemeint ist. Ich stelle mir folgendes vor:

Ein Mensch begegnet seiner Berufung, dem was seine ureigene Aufgabe im Leben ist. Das ist groß und beängstigend. Aber dieser Mensch nimmt seine Aufgabe an und inmitten all der Zerrissenheit um sich herum erlebt dieser Mensch sich im Einklang mit seiner Berufung, mir dem, was die Angelegenheit seines Lebens ist.

Inmitten der Zerrissenheit findet ein Mensch sich hinein in seine Aufgabe und erlebt sich im Einklang mit dem Sinn seines Lebens. „Amazing grace, how sweet the sound …“ - Welch eine erstaunliche Gnade ist das! Süßer als Honig – ich kann mir es vorstellen, dass sich das so anfühlt. Und ich wünsche uns – jedem und jeder von uns heute und hier – dass wir in der Zerrissenheit unserer Zeit erleben: Es ist genau so gemeint, dass Du heute und hier lebst – in all der Zerrissenheit hat es seinen guten Sinn, dass Du jetzt hier bist. Distanziere Dich davon nicht indem Du Klage auf Klage häufst, sondern wandle sie in Gebet, in Zuspruch, in Orientierung, in Sinn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.


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