Predigt zu 1. Samuel 2,1ff
Liebe Schwestern und Brüder,
Hanna betet. Laut und fröhlich:
„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn.
Groß ist meine Kraft durch den Herrn!
Mein Mund redet laut
gegen meine Widersacher,
denn ich freue mich deines Heils.
Niemand ist heilig wie der Herr,
keiner ist außer ihm,
kein Fels ist verlässlich wie unser Gott!
Die Unfruchtbare hat Kinder geboren. Ja:
Der Herr macht tot und lebendig
ins Totenreich führt er und wieder herauf!
Der Herr macht arm und macht reich
er erniedrigt und erhöht.
Er hebt den Bedrückten aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche.“
Laut und fröhlich betet Hanna. Als sie das letzte Mal hier im Tempel war, hat sie anders gebetet. Bedrückt und leise – so leise, dass sich nur ihre Lippen bewegten, die Worte aber unhörbar blieben. Dem alten Priester Eli war das aufgefallen und er spricht Hanna an.
Sehr sehr traurig war Hanna! Todtraurig!
Seid zehn Jahren versuchen sie und ihr Mann ein Kind zu bekommen – vergeblich. Wie abgestorben fühlt sich Hanna. Lebendig tot.
Das hatte sie Gott geklagt, damals im Tempel. All die vergeblichen Hoffnungen der letzten zehn Jahre hatte sie vor Gott ausgesprochen – nur vor Gott! Unhörbar für andere Menschen!
Denen mochte sie nichts sagen davon – in sich hatte sie ihr Leid verschlossen, zehn Jahre lang. Wie ein Dammbruch war das, als sie vor Gott alles aussprechen konnte – damals im Tempel. ... Der Priester hatte sie gesegnet: „Gott schenke Dir, worum Du ihn gebeten hast. Geh hin im Frieden.“
Einen Sohn hatte sie von Gott erbeten – nun steht sie wieder hier im Tempel, ihr Kind an der Hand. Und sie betet – laut und fröhlich:
„Der Herr macht tot und lebendig
ins Totenreich führt er und wieder herauf!“
Ja, das hatte sie erfahren. Und für diese Erfahrung ist sie so dankbar wie für das Kind, das neben ihr steht. Dieses springlebendige Kind!
Liebe Schwestern und Brüder,
im Alten Testament wird uns diese Geschichte erzählt – im 1. Buch Samuel, gleich am Anfang. Lesen Sie die beiden Anfangskapitel einmal nach – Sie werden Hanna lieben! Sie werden sich mit ihr freuen an ihrem Kind Samuel - der Name bedeutet: „Ich habe ihn vom Herrn erbeten“.
Im Alten Testament – also lange vor Ostern, lange vor der Auferstehung Jesu - wird uns eine Ostergeschichte erzählt. Eine Auferstehung zum Leben. Zu einem Leben, an das Hanna immer geglaubt hat – wie abgestorben sie sich auch gefühlt haben mag.
Lesen Sie Hannas Geschichte – Sie werden Hannas Leid mitempfinden. Und vielleicht wird es Sie an das erinnern, was Sie in ihrem eigenen Leben als tot und abgestorben empfinden.
An begrabene Hoffnungen vielleicht.
An ein totgeglaubtes Gefühl.
An Menschen mit denen Sie fertig waren.
An Verhältnisse, in die Sie sich notgedrungen gewöhnt hatten.
An ein Bild von Ihnen selbst, das Ihnen nicht gut tut und dennoch so unverrückbar fest steht wie der Stein vorm Grab.
Lesen Sie Hannas Geschichte! Und achten Sie ganz behutsam auf das, was sie in Ihnen anrührt. Vielleicht ist Hanna Ihnen eine gute Gefährtin zur Seite. Eine die Ihnen sagt: „Du darfst das vor Gott aussprechen. Auch mir hat das gut getan.“
Vielleicht erleben Sie, was Hanna erlebt hat: Wie die Dinge in Fluss kommen, die so lange aufgestaut waren. Was sich da löst in Ihnen.
Gut das es für Hanna einen Ort gab, an dem das seinen Platz hatte – dort im Tempel. Ja, das war wie ein Dammbruch. Aber hier im Tempel hatte das einen Ort – da war das gehalten. Da konnte, da durfte das sein, dass in Fluss kam, was sich so lange aufgestaut hatte – zehn Jahre!
Welch eine Energie! Wenn das losbricht – das kann beängstigend sein! Andererseits – wie weit kann diese Energie tragen!
Wenn das, was sich so lange aufgestaut war, nicht einfach losbricht, sondern in eine gute Bahn gelenkt wird: Wie weit kann diese Energie tragen!
Wie gut, dass es für Hanna diesen Ort gab! Und gut, dass es für Hanna einen Menschen gab, der sie segnet: „Gott schenke Dir, worum Du ihn gebeten hast. Geh hin im Frieden.“ Wie wir das brauchen! Den Zuspruch! Den Segen! Was wäre heilsamer als das: gesegnet sein.
Liebe Schwestern und Brüder,
Hannas Geschichte zum Ostersonntag – das heißt: auch in Deinem Leben kann es Auferstehung geben und in meinem Leben. Nimm wahr, was in Dir verschlossen ist - wie tot. Und was doch in Fluss kommen will und darf. Gott ist als heilende, als heilsame Kraft in Deinem Leben, in unserem Leben.
Als Hanna all ihre Klage vor Gott ausgebreitet und der alte Priester Eli sie gesegnet hatte, da sagt die Geschichte einen ganz schlichten, wunderbaren Satz:
„Da ging sie weg; sie aß wieder und hatte kein trauriges Gesicht mehr.“
Amen
Pfarramt Hallesche Straße 15a, 06366 Köthen
Sie erreichen uns von Montag - Freitag 08:00 - 12:00 Uhr