Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ – so sagt ein altes Sprichwort. Worte aus vollem Herzen gesprochen und aufgeschrieben stehen am Anfang des 1. Petrusbriefes:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten …“
Diese Worte sind wie die Ouvertüre zu einer großen Oper (oder vielleicht passender: einem großen Oratorium) – sie stehen ganz am Anfang des 1. Petrusbriefes als der große Akkord, auf den alles Weitere in diesem Brief gestimmt ist. Und wie in einer Ouvertüre klingen da schon die wichtigen Themen des Werkes an; die Leserin und der Hörer werden eingestimmt auf das, was nun kommt. Und wenn ihr, liebe Schwestern und Brüder nach dieser Predigt denkt: „Den 1. Petrusbrief, den müsste ich einmal in Ruhe durchlesen – das interessiert mich“, dann ist dieser schöne Brieftext wirklich zur Sprache gekommen und hat bewirkt, wofür er einmal aufgeschrieben worden ist.
Beschwingter Osterjubel klingt hier auf: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Worte voll dichterischer Schönheit. Und dann wie eine Variation des großen Dur-Themas ein Zwischensatz in Moll: „Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtung, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird.“
O ha! Was sind das eigentlich für Menschen, an die dieser 1. Petrusbrief ursprünglich gerichtet ist – die dieser Ouvertüre einst gelauscht haben?
Unterprivilegierte Menschen zunächst. Solche, die wenig Möglichkeiten hatten, ihr Leben zu gestalten. Einige von ihnen gewiss aus dem Sklavenstand; nicht rechtlos aber dennoch mit sehr beschnittenen Rechten. Eine Reihe von ihnen wird fremd an ihrem Wohnort gewesen sein: als Sklaven verkauft und nur in einem Dienst weit weg vom Ort ihrer Geburt. Flüchtlinge gehören dazu, Menschen, die in den Kriegen ihrer Zeit Sicherheit und in der wirtschaftlichen Misere ein Auskommen anderswo gesucht haben. Vor allem aber sind das ausgegrenzte Menschen. Sie leben ihren Glauben an Jesus Christus in einer Zeit, in der dieser Glaube kriminalisiert und verfolgt wird.
Und die lesen nun in dem Brief, der in ihrer Gemeinde herumgegeben wird: „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“
Ein Hirtenbrief, der da von Hand zu Hand wandert – wer lesen kann, liest es denen vor, die das nicht können. Ein Hirtenbrief für Menschen, die keine Scheu hätten, sich in das Bild einer Schafherde hineinzudenken. Ein wacher Fluchtinstinkt gehört zu ihrem Leben: Ausweichen, wenn Unheil droht! Ein Instinkt, die Schwächeren zu schützen; sich um sie zu scharen und Angriffen gemeinsam begegnen. Ein unbedingter Freiheitswille bei all der Enge ihrer Lebensumstände. Wer einmal gesehen hat, wie ein Schaf sich wehrt, wenn es bei der Schafschur fixiert werden soll, der hat ein Bild von diesem unbedingten Freiheitswillen.
Nein, diese Menschen hätten kein Problem damit, sich in das Bild einer Schafherde hineinzudenken und sich dem Hirten und Bischof ihrer Seelen anzuvertrauen. Von dem hatten sie Strategien gelernt, wie sie umgehen konnten mit der Rechtlosigkeit, die ihren Alltag bestimmte; wie sie umgehen konnten mit der Verachtung und den Pöbeleien, die ihnen entgegenschlug, wenn sie für ihre Herrschaft Einkäufe auf dem Markt zu erledigen hatten; Strategien, wie sie umgehen konnten mit den Gefahren, als Christen erkannt und verurteilt zu werden. Dieser Hirte und Bischof ihrer Seelen hatte nicht zurückgeschmäht, als er geschmäht wurde; keine Drohgebärden gebraucht, um sich vor Verhaftung zu schützen; der hatte keine Betrug gebraucht, um das eine oder andere Schäfchen in’s Trockene zu bringen. Das war eine hochwirksame Strategie. Denn diesen Menschen war abzuspüren, dass sie eine andere Lebensorientierung hatten als die der dekadenten Gesellschaft der römischen Kaiserzeit. „Seht, sie haben sie einander so lieb.“ Das schreibt einer, der in dieser Zeit gelebt hat und festhält, was ihm aufgefallen ist an den Christen. Dass deren Gemeinschaft stetig wächst, hat genau damit zu tun: In einer Gesellschaft der kultivierten Lieblosigkeit bilden Christen eine attraktives Gegenmodell, das letztlich stärker ist als die römische Gesellschaft in ihrer Hartherzigkeit und Kälte: „Seht, wie haben die Christen einander so lieb!"
Liebe Schwestern und Brüder,
Eine Übertragung ist schwierig. Wir sind nicht unterprivilegiert und wir sind nicht bedroht. Im Moment jedenfalls noch nicht. Aber wir leben in einer Zeit mitmenschlicher Kälte und Hartherzigkeit. Die Verschiebungen in der Parteienlandschaft unseres Landes haben unsere Gesellschaft polarisiert und brutalisiert. Ich denke schon, dass es ganz gut ist, an die Strategien erinnert zu werden, die hier im 1. Petrusbrief beschrieben werden. Ein Gedicht von Eva Zeller sagt das schön:
Was ich noch wagen wollte
Wenn ich dir
einen Tip geben darf
Ich meine
Ich bitte dich
um alles in der Welt
und wider besseres Wissen:
Halte dich nicht schadlos
Zieh den Kürzeren
Lass dir etwas entgehen.
Das könnte ein Schluss-Wort sein für diese Predigt. Aber eines fehlt da noch. Woher kommt denn die innere Souveränität, die es schafft, das Schimpfwort nicht zu erwidern; den möglichen Betrug zu unterlassen; der Gefahr standzuhalten; den Schwächeren um den Preis eigener Nachteile zu schützen. Woher kommt diese innere Souveränität.
Papst Leo hat das in den vergangenen Tagen eindrucksvoll gezeigt: Wie er die Ausfälle dieses amerikanischen Präsidenten weggeatmet hat, zeugt genau von dieser Souveränität. Der Souveränität, zu der ein Mensch in der Lage ist, der sich von Gott geliebt und angenommen weiß, dessen Würde sich genau darin gründet, dass diese Würde von Gott geschenkt ist. Und genau das ist das große Dur-Thema aus der Ouvertüre des 1. Petrusbriefes, zu dem die Moll-Variation eine notwendige Ergänzung ist.
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten …“
Und Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft,
der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß
und stärke unsre Liebe. Amen
Pfarramt Hallesche Straße 15a, 06366 Köthen
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