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Gerüchteküche

Auf dem Bild ist der Altarraum der Kirche zu sehen. Ein Weihnachtsbaum steht geschmückt im Hintergrund. Vorne stehen zwei Personen mit glitzernden Anzügen, die ein glitzerndes Tuch halten.
Der Zauber des heiligen Abend während der Mitternachtsmesse

Prolog:

Hast du schon das von Peter gehört?“ Ein Satz, der so beginnt, der endet selten mit einer guten Nachricht. Ganz oft lassen mich solche Sätze dann kurz zusammenzucken. Manchmal reicht schon ein halber Satz, ein Stirnrunzeln, ein geflüstertes „Man sagt…“ und schon arbeitet etwas in meinem Kopf. Geschichten beginnen zu wuchern wie Efeu an einer alten Kirchenwand. Sie ranken sich in die Gedanken, ziehen sich fest und lassen nur schwer wieder los. Manche Nachrichten haben bleischweres Gewicht. Andere sind wie eine Push-Nachricht, die man gar nicht lesen will und die doch aufleuchtet, mitten in einer ohnehin schon ruhelosen Nacht.

Und wir leben gerade in einer Zeit, in der die Welt einem ständig etwas zuflüstert. Oft laut, schrill, durcheinander. Schlechte Nachrichten reisen wie E-Mails. Gute Nachrichten dagegen brauchen manchmal so lange wie ein Brief mit der Post. Kein Wunder also, dass ich manchmal dünnhäutig werde.

Und wahrscheinlich kennt ihr alle diesen Moment, in dem man ahnt: Wenn ich jetzt genauer hinhöre, dann wird’s unangenehm. Und trotzdem höre ich hin. Weil wir Menschen eben so sind. Weil wir dazugehören wollen. Weil wir nichts verpassen wollen. Und weil wir wissen: Worte haben Macht. Worte können aufrichten, aber sie können auch lange Schatten werfen.

Und genau an diesem heiligen Abend, an dem wir hier sitzen, in diesem Licht, mitten in all dem Erwarteten und dem Unausgesprochenen, stellt sich eine einfache, alte Frage ganz neu:

Welche Nachrichten bestimmen mein Herz?
Welche Stimmen lasse ich hinein?
Und welche möchte ich heute vielleicht bewusst draußen lassen?

 

I. Die Gerüchteküche

Die Erzählungen von dem Ereignis, das die Welt für immer verändert hat, sie reden viel vom Hören, vom weitererzählen und sich zu Herzen nehmen. Vielleicht passt dazu ein Bild ganz gut, das wir euch gerade näherbringen wollten: Eine Gerüchteküche.

Denn so eine Küche ist ja kein offizieller Ort. Kein Meetingraum, kein Thronsaal. In Küchen wird geredet, geflüstert, spekuliert. Da wird Kaffee eingeschenkt, Tee aufgesetzt, und zwischen Tür und Angel werden Sätze gesagt, die man sich woanders vermutlich nicht trauen würde. In Küchen wird gefragt:
„Hast du das schon gehört?“
„Was meinst du, wie das ausgeht?“
„Meinst du wirklich, dass das stimmt?“

So eine Gerüchteküche gibt es eben nicht nur hier unten auf der Erden. Ich stelle sie mir vor so wie hier gerade. Wo die Engel zusammenkommen und tuscheln.

Und wir haben für euch ja schon mal spekuliert was da damals, so ganz kurz vor dem ersten heiligen Abend für Fragen im Raum standen.
Welche Zweifel da bestanden haben könnten an dem großen Plan.

Und Weihnachten beginnt ja gerade nicht mit einer Pressekonferenz im Stall von Betlehem. Nicht mit einer offiziellen Verlautbarung. Sondern mit einem Gerücht. Mit einem Flüstern. Mit einer Geschichte, die kaum jemand glaubt, weil sie zu klein, zu zerbrechlich, zu unscheinbar wirkt für diese große, schwere Welt.

Und ich glaube, genau das ist der Punkt.
Dass Gott seine wichtigste Nachricht nicht laut hinausschreit.
Sondern leise in die Welt setzt.
Wie ein Gerücht, das Hoffnung trägt.

 

II. von alters her 

Und wenn man genau darauf schaut ist diese Gerüchteküche eigentlich auch nichts Neues.
Schon lange bevor in Bethlehem das Kind geboren wurde, ging so ein Gerücht durch die Welt. Ein Gerücht über Gott. Ein Hoffnungsgerücht.

Über Generationen hinweg haben Menschen davon gesprochen. Leise und eher zögerlich aber manchmal auch mutig und laut. Propheten haben davon erzählt. Dichter haben Worte dafür gesucht. Beter haben es zwischen ihre Klagen gemischt.
Nicht als fertige Wahrheit. Sondern eher wie eine Ahnung:
Da kommt noch etwas.
Gott lässt uns nicht allein.
Es wird heller werden … irgendwann.

Die Texte der Bibel sind voll von solchen Stimmen. Sie reden davon, dass Gott nahekommt. Dass er sich klein macht. Dass er mitten hinein will in das, was Menschen bedrückt. Aber oft klingen diese Worte selbst eher wie Gerüchte. Zu schön, um wahr zu sein. Zu zart für eine raue Wirklichkeit dieser Welt.

Und trotzdem haben Menschen sie weitererzählt. Haben sie sich zu Herzen genommen. Haben sie daran festgehalten, manchmal gegen alle Erfahrung. 

So wie man an einem Gerücht festhält, das einem Hoffnung macht, obwohl man noch gar nichts in der Hand hat.

Weihnachten ist nun der Moment, in dem dieses alte Gerücht Gestalt annimmt.
In dem aus dem Flüstern eine Stimme wird.
Aus der Ahnung eine Begegnung.
Aus der Hoffnung ein Kind.

 

III. Kontraste

Und doch bleibt dieses Kind nicht einfach eine schöne Geschichte. Kein nettes Gerücht, das das Herz wärmt. Denn kaum ist es geboren, trifft es auf das, was wir alle kennen:
auf Stimmen. auf Erzählungen. auf Nachrichten.

Auch diese Nacht bleibt ja nicht still auch wenn wir das so gerne singen. 

Der Stall steht ja nicht außerhalb der Welt.
Schon damals gab es Gerede. Fragen und Zweifel.
Hoffnung und Angst ganz dicht beieinander.

Und so stehen sie nebeneinander, von Anfang an:
die vielen Nachrichten, die Menschen bewegen,
und diese eine Nachricht, die Gott in die Welt setzt.

Die anderen Nachrichten kennen wir gut. Sie sind oft laut. Drängen sich in den Vordergrund. Sie erzählen von dem, was alles schiefgeht.
Von dem, was uns bedroht und Angst macht.

Die Weihnachtsnachricht dagegen ist ganz anders.
Sie drängt sich nicht auf. Sie kommt leise.
Fast so, als müsse man sich zu ihr hinunterbeugen.

„Euch ist heute der Heiland geboren.“
Das ist kein Satz, der alles erklärt oder der alles löst.
Aber es ist ein Satz, der trägt.

Er macht das Herz nicht enger, sondern weiter.
Er nimmt die Angst nicht einfach weg, aber er setzt ihr etwas entgegen.
Eine Hoffnung. Ein Licht.

Und vielleicht ist das das Besondere an dieser Nacht:
Dass Gott nicht mit Macht gegen all die lauten Stimmen antritt,
sondern mit einer leisen guten Nachricht, die ihren Weg ins Herz sucht.

 

IV. Die Engel

Und genau an diesem Punkt treten sie aus der Gerüchteküche heraus.
Die Engel.

Sie bleiben nicht beim Tuscheln stehen und behalten das Gehörte nicht für sich.
Sie machen aus dem Flüstern eine Stimme.

Interessant ist ja: Die Engel verstehen zuerst, was hier wirklich geschieht.
Sie sehen klarer als die Menschen im Stall. Klarer als Maria und Josef, die müde sind und erschöpft. Auch klarer als die Welt, die in dieser Nacht einfach weitermacht.

Und sie wissen: Das hier ist keine kleine Geschichte, keine Randnotiz.
Das ist Gott selbst, der Mensch wird.

Darum treten die Engel hinaus in die Nacht. Nicht zu den Mächtigen, die ohnehin alles bestimmen. Sondern zu den Hirten; Menschen am Rand. 

Eben zu denen, die zuhören können.

Und ihre erste Botschaft ist bezeichnend. 
Denn sie sagen: „Fürchtet euch nicht.“ Als wüssten sie genau, wie Nachrichten wirken können. Wie sehr Angst lähmen kann.

Und dann erst sagen sie den Satz, der alles bündelt: „Euch ist heute der Heiland geboren.“
Nicht irgendwo. Nicht irgendwann. Sondern heute.
Euch.

In dieser einen Botschaft liegt alles, was Weihnachten ausmacht.
Gott bleibt nicht auf Abstand.
Er redet nicht über uns. Sondern er kommt zu uns.

 

Epilog „Was bleibt“

Und vielleicht ist das ja der eigentliche Zauber dieses Abends: Dass wir für einen Moment aus all den Stimmen heraustreten dürfen. Aus dem Dauerrauschen der Welt.
Aus den Gerüchten, die uns müde machen und den Nachrichten, die uns oft ratlos zurücklassen.

Vielleicht ist dieser Abend ein Ort, an dem wir neu wählen dürfen. Welche Nachricht wir an uns heranlassen und welche Worte wir mit in die Nacht tragen.

Nicht alles wird morgen anders sein. Die Welt bleibt kompliziert.
Die Nachrichten werden nicht verstummen. Auch die Sorgen nicht.

Aber mitten hinein in all das legt Gott seine Geschichte. Leise. Zart. Aber erstaunlich beharrlich.

Ein Kind. Ein Licht in der Dunkelheit. Eine gute Nachricht, die nicht drängt, sondern wartet.
Die nicht fordert, sondern trägt.

Und so endet heute Abend ein Gerücht und beginnt eine Wahrheit:

Gott wird Mensch.
Für dich.
Für uns alle.

Und das ist wahrscheinlich die beste Nachricht,
die je die himmlische und die irdische Gerüchteküche verlassen hat.

Amen.

 

 Gehalten von Martin Olejnicki am 24.12.2025

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