Predigt zu Gen 3 im Rahmen des Gottesdienstprojektes "Essen und Trinken in der Bibel"
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Liebe Schwestern und Brüder,
„Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ - kennen Sie noch dieses alte Sprichwort? Aus England kommt es und bis in’s 14. Jahrhundert kann man es zurückverfolgen. Und der englische Dichter John Milton verwendet es 1667 in seinem großartigen Gedicht „Paradise Lost“ - „Das verlorene Paradies“. Sein ganzes Leben lang ist John Milton tief fasziniert gewesen von der biblischen Geschichte, die heute unser Predigtabschnitt ist: Adam und Eva im Paradies. Tatsächlich eine Geschichte, die einen Menschen ein Leben lang beschäftigen kann!
„Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ – dieses Sprichwort lebt von einer Überzeugung: Ganz im Anfang, als Gott die Welt erschaffen hat und in ihr die Menschen schuf, da gab es keine Herrschaft der einen über die anderen. Adam und Eva lebten in einer Gemeinschaft mit einander, die kein Oben und kein Unten kennt. Dass wir das heute anders erleben zeigt, dass wir das Paradies verloren haben:
Im Paradies war Arbeit leicht - wir erleben Arbeit oft als belastend und schwer: Zeichen dafür, dass wir nicht mehr im Paradies leben.
Im Paradies war Nacktheit nicht mit Scham verbunden und Sexualität natürlich und unverkrampft - wir erleben Schamgefühl und verhemmte Sexualität: Zeichen dafür, dass wir nicht mehr im Paradies leben.
Im Paradies war das Leben nicht vom Tod begrenzt - wir erleben uns als sterbliche Wesen: Zeichen dafür, dass wir nicht mehr im Paradies leben.
Wahrscheinlich ist das die Frage, die hinter der Geschichte von Adam und Eva steht: die Frage nach dem Todes-Schicksal des Menschen. Warum sind wir Menschen sterblich? Immerhin sind wir doch Gottes Geschöpfe! Wie kommt es, dass unser Leben auf den Tod hin führt?
Und überhaupt: Wie kommt es, dass die Arbeit auf dem Feld so mühevoll ist - mühsam erarbeitet sich der Mensch sein Brot und bei aller Pflege trägt der Acker doch immer auch Dornen und Disteln.
Und noch dazu: Wie kommt es, dass die Geburt eines Kindes für die Mutter mit so viel Schmerz und Gefahr verbunden ist.
Und außerdem: Wie kommt es, dass die ursprüngliche Gleichheit von Adam und Eva verloren gegangen ist - das Verhältnis der Geschlechter ist von Ungleichheit geprägt und einer Überordnung des Mannes, der von der Frau Unterordnung verlangt.
All das verlangt nach einer Erklärung. Und so erzählt die Bibel:
Am Anfang ordnet Gott das Leben seiner Geschöpfe gut. Der Mensch gibt den Tieren Namen - immerhin kann er ja sprechen und denken und erkennen. Das hat er den Tieren voraus. Aber einsam ist er, dieser Mensch - Adam. Unter den Tieren findet er kein Gegenüber. Das findet er erst in der Frau - Eva. Gott hat beide geschaffen füreinander - und Gott ordnet auch ihr Leben weise:
Mit drei Bestimmungen gibt er dem Leben der Menschen Ordnung und Zukunft:
Gott gibt dem Menschen die Möglichkeit, durch Arbeit Nahrung zu gewinnen und fürsorglich für die gute Schöpfung zu sorgen: Das heißt, das Leben des Menschen hat einen Sinn;
Gott gibt dem Menschen die Möglichkeit, sich nach seinem Gebot zu richten: Das heißt, das Leben des Menschen hat und eine Orientierung;
Gott gibt dem Menschen die Möglichkeit, in Gemeinschaft zu leben: Das heißt, das Leben des Menschen hat eine Zukunft.
Gut geordnet ist das Leben im Paradies. Reichlich sind die Menschen versorgt mit all den Früchten der verschiedenen Bäume im Garten. Schön anzusehen sind sie außerdem. Nur ist da ein Baum, dessen Früchte sollen die Menschen nicht essen. Das ist klar verabredet. Warum nicht? Dazu hat Gott nichts gesagt. Gott traut den Menschen zu, dass sie die Grenze wahren, die hier gesetzt wird. Solange die Menschen diese Grenze achten, respektieren sie Gott.
Da mischt sich ein Einsager ein. Sie kennen diese Stimmen im Kopf, die uns verunsichern. Und sie kennen die Stimmen von außen, die uns beschwatzen. Das sind die Einsager - die auf uns einreden.
Hier in unserer Geschichte nimmt der Einsager eine faszinierende Gestalt an: eine Schlange. Ein kluges und überlegenes Tier, so wird sie beschrieben. Sprechen kann sie und sie weiß überzeugend zu argumentieren:
„Ja, sag mal Eva, ist das wahr, dass Gott euch verboten hat, von den Bäumen im Garten zu essen?“ Eine superkluge Werbestrategie: Rede den Menschen zunächst einmal ein, sie wären benachteiligt oder jemand würde sie übervorteilen. Was ist denn das für ein Gott, der euch verbietet, von den schönen Früchten hier von den Bäumen ringsum zu essen!
Eva lässt sich von dem Werbestrategen in eine Gespräch verwickeln - das ist wie bei den Trickbetrügern heute am Telefon schon die halbe Miete: lässt Du Dich da auf ein Gespräch ein, dann schwatzen sie Dir ein Zeitungsabo auf oder kommen mit der Enkelmasche, die immer wieder zieht.
Also: Eva lässt sich in ein Gespräch verwickeln. Das kann sie nicht einfach stehen lassen! „Nein, nein - Gott hat uns nichts verboten. Wir dürfen von allen Bäumen die Früchte essen. Bis auf den einen dort: Gott hat gesagt, dass dieser Baum für uns gefährlich wäre. Wir könnten sterben, wenn wir davon essen!“
„Sterben? Hat Gott wirklich gesagt, ihr würdet sterben? Nee, nee, davon stirbt man nicht. Es ist eher so, dass ihr endlich aus eurer Naivität heraus kommt! Die Augen werden euch aufgehen, wenn ihr davon esst. Ihr werdet klug sein! Ihr werdet Gut und Böse unterscheiden können - so wie Gott!“
Ein Zweifel nistet sich ein in Evas Gemüt: Könnte es tatsächlich sein, dass Gott uns hier etwas vorenthält? Schön ist der Baum! Lieblich! Und die Früchte - bestimmt sind sie süß! Und wenn sie nun wirklich klug machen?! Probieren könnte man das ja mal. Gott muss das ja nicht gleich mitkriegen!
Ich kann sie verstehen, diese Eva! Woher soll sie wissen, was das heißt: Sterben. Erfahrung hat sie damit nicht - sie hat noch niemanden sterben sehen! Und Gut und Böse unterscheiden? Was soll das sein? Im Paradies gibt es diese Unterscheidung nicht - braucht es diese Unterscheidung nicht zu geben.
Und so gibt Eva nach. Sie greift nach einer Frucht von diesem Baum. Sie ißt davon. Sie gibt Adam davon ab. Und was dann geschieht, das haben wir alle auch erlebt. Wir haben das im Übergang vom Kind-Sein zur Jugend erlebt:
Nackt sein fühlt sich nicht mehr so natürlich an wie damals, als wir Kind waren. Wir merken, dass wir uns stets und immer entscheiden müssen zwischen dem, was gut ist und dem was böse ist. Und wir bekommen mit dem ersten Haustier, das stirbt, mit, was das heißt: tot zu sein. Und wenn die Oma stirbt, dann erleben wir, wie schlimm das ist - wie untröstlich traurig wir über das Fehlen dieses lieben Menschen sind.
Wir haben das im Übergang vom Kind-Sein zur Jugend erlebt, was es heißt, die ursprüngliche Naivität zu verlieren - Klug-Werden hat einen ziemlich hohen Preis!
Und was vielleicht das Schlimmste dabei ist: die Beziehung zu Gott leidet. Da ist nicht mehr die Unbefangenheit, mit der wir uns als Kinder an Gott gewandt haben. Da ist vielmehr eine Scheu, Gott zu begegnen - das Gefühl, Gott nicht mehr zu genügen; Gott ausweichen zu müssen. Fasziniert von Gott waren wir als Kinder - nun kommt dazu, dass wir vor Gott auch erschrecken. Die Beziehung zu Gott wird kompliziert.
Adam und Eva verstecken sich im Garten, als Gott dort um die Abendstunde spazieren geht. Eigentlich eine wunderschöne Vorstellung: Gott beim Spazierengehen zu begegnen. Aber jetzt ist das prekär.
Gott ist verwundert: Was ist denn passiert? Und Gott ahnt, was passiert ist:
Habt ihr von dem Baum gegessen, von dem ihr doch nicht essen solltet.
„Ach Gott, die Frau, die Du mir gegeben hast - die hat mir davon zu Essen gegeben.“
Und Eva: „Die Schlange hat mich verführt - deshalb hab ich davon gegessen.“
Den Rest der Gesichte erinnern wir:
Wir sind sterblich - Zeichen dafür, dass wir nicht mehr im Paradies leben.
Wir erarbeiten uns mühsam unser täglich Brot - im Schweiße unseres Angesichts und auf einem Acker, der Dornen und Disteln trägt.
Kinder zu gebären ist mit Schmerz und Gefahr verbunden - Zeichen dafür, dass wir nicht mehr im Paradies leben.
Du kannst das „Sünde“ nennen, Du kannst dazu auch „Entfremdung“ sagen.
Du kannst darunter leiden, Du kannst dazu aber auch stehen:
Ja, wir leben nicht mehr in der Unmittelbarkeit zu Gott - wir leben Jenseits von Eden. Und von uns aus werden wir das Tor an der Pforte zum Paradies nicht einrennen. Aber wir können das ernst nehmen, was eines der schönen Weihnachtslieder so beschreibt:
Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis.
Der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr und Preis.
Wir werden es nicht schaffen, wieder in eine gesunde Beziehung zu Gott zu finden. Gott aber findet eine Möglichkeit, die Beziehung zwischen sich und uns zu heilen. Dazu ist Christus Mensch geworden, dass zwischen uns und Gott wieder Beziehung möglich ist.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft,
der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß
und stärke unsre Liebe.
Amen
Pfarramt Hallesche Straße 15a, 06366 Köthen
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